Samstag, 13. Mai 2017

In heaven No. 256 - selbstbestimmter Himmel

Gestern habe ich einen Zeitungsartikel gelesen, der mich sehr beschäftigt hat. Eine alte Dame, 80 Jahre alt, bestellte sich ein Taxi zu dem Pflegeheim, in dem sie wohnte. Sie ließ sich von diesen Taxi in den Ort fahren, in dem sie einen Großteil ihres Lebens verbracht hatte, bezahlte den Fahrer und stieg mit ihrem Rollator an einem Fluss aus. Wahrscheinlich ist sie früher oft am Ufer dieses Flusses gesessen, dort spazierengegangen oder hat aufs Wasser geschaut. Irgendwann stellte sie ihren Rollator dort ab und ging einfach ins Wasser hinein. Immer weiter, bis der Fluss sie davon trug.

An einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie für sich keine lebenswerte Zukunft mehr sah, traf sie einen klaren Entschluß. Sie wollte selbstbestimmt gehen.
Diese Geschichte hat mich sehr aufgewühlt und berührt. Mein erster Gedanke war, wie traurig es doch ist, wenn man am Ende seines Lebens nichts mehr hat, wofür es sich noch zu leben lohnt, so dass man einen solchen Entschluß fasst. Nach längerem Nachdenken wurde mir aber bewusst, dass diese aufrechte alte Dame die Wahl getroffen hatte, ihr Leben selbstbestimmt in Würde zu beenden, wenn sie es selbst für richtig hält. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie noch selbst Entscheidungen treffen und umsetzen und selbst bestimmen konnte, wann ihr Leben vollendet ist.
Wenn für mich irgendwann die Zeit gekommen sein sollte, dann hoffe ich, dass ich auch den Mut aufbringe, eine solche Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung, die es mir ermöglicht in Würde und selbstbestimmt zu gehen, wenn ich das für richtig halte.

Die alte Dame wurde von zwei Männern im Wasser treibend entdeckt und gerettet. Sicher haben die beiden richtig gehandelt.
Für die alte Dame hätte ich mir aber gewünscht, sie hätte ihren selbst gewählten Weg zu Ende gehen können. Jeder von uns sollte über den richtigen Zeitpunkt selbst entscheiden dürfen.


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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier (fast) jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.

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Kommentare:

  1. guten morgen katja. ich bin sonst eigentlich nur stille leserin bei dir. aber dein post hat mich aufgewühlt. meine mutter leidet an demenz und auch sie hätte diese alte dame sein können. es gibt einen punkt der krankheit, da wissen die patienten ganz genau was da mit ihnen geschieht und wo das endet. das hat nichts mehr mit würde zu tun. auch, dass sich so ein mensch, der immer im leben stand und verantwortung übernommen hat, plötzlich so verlieren muß und die verantwortung abgeben soll. es ist auch nicht dieser person würdig sie in so einen würdelosen tod zu treiben wie ins wasser zu gehen. ich stelle es mir schlimm vor, wasser zu schlucken und voller panik zu ertrinken. auch alle anderen freitodarten sind dieser alten dame in deinem post nicht würdig. ich finde hier in deutschland sollte man ganz dringend das thema sterbehilfe neu überdenken. in belgien hat man es längst getan. ich finde es mehr als überheblich gesund und ohne qualen über das leben eines langsam dahinsterbenden entscheiden zu wollen. ich hoffe es ist auch hier in deutschland irgendwann legal möglich würdevoll aus seinem leben zu treten. aller zum teil sicher berechtigten diskussionen zum trotz. liebe grüße, sabine

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    1. Im Rahmen der Diskussion unter diesem Zeitungsartikel sagte jemand etwas, das mich sehr nachdenklich gemacht hat. Schwerkranke und sehr, sehr alte Menschen mit allen Mitteln - und vor allem: unter allen Umständen - am Leben zu erhalten, ist meistens dem Egoismus der Angehörigen geschuldet, die nicht loslassen wollen - und nicht dem Willen dieser Menschen.
      Wenn es deren Wunsch ist zu gehen und dieser nicht einer biochemischnen Störung geschuldet, die behandelbar ist, dann sollte das in Würde möglich sein. Man sollte nicht ins Wasser gehen oder von einem Haus springen müssen, man sollte nicht würdelos vor Gericht um die Selbstbestimmung über sein eigenes Leben streiten müssen, sondern ein Recht darauf haben.
      Ich finde es schlimm, dass das nicht so ist.
      Mein Vater wollte auch nie so gehen, wie er am Schluß gehen musste. Ich hätte mir für ihn diese Möglichkeit gewünscht.

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  2. Liebe Katja, ich habe mir schon oft im stillen gedacht und ab und an schon ausgesprochen, dass wir Menschen zu leidenden Tieren humaner sind, als zu uns selbst. Ich bin dankbar, zu wissen, dass es in der Schweiz Sterbehilfsorganisation gibt. Und ich erkenne am älter werden meiner Mama/Schwiegereltern, wie wichtig eine Vorsorgeverfügung ist, um medizinische Massnahmen zu regeln. Trotzdem habe ich selber keine - ich fühle mich noch zu mitteljung. Vielleicht ist es auch Verdrängung, denn der Tod kennt kein Alter. Herzlich, Sibylle

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  3. ohje, Leben... Durch was man alles durch muss... Besser, man weiß es vorher nicht!

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  4. Dein Bericht hat mich stark berührt, Katja. Was für eine mutige Tat der alten Damen. Und dann dieses Ende.. schluck.. wie schrecklich! Natürlich mussten die Männer eingreifen, dennoch.. wenn in Deutschland das Thema Sterbehilfe neu aufgerollt werden würde, würde solch ein Elend nicht passieren. Vor einigen Tagen haben wir unsere 19 Jahre alte Katze von ihren Schmerzen erlösen lassen, sie hatte ein schlimmes Nierenleiden und war stark dement. Wie oft habe ich seit dem gehört: Das war richtig so. Warum leiden lassen? Sie hatte doch ein schönes Leben. Jetzt hat sie keine Schmerzen mehr. Bei unserer Bremse haben wir es sogar entschieden. Ich wünschte, ich könnte es zur gegebener Zeit selbst entscheiden. Herzlichst, Nicole

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  5. Nach all dem, was ich seit 14 Jahren immer wieder an schmerzhaften Abschieden erleben & hinnehmen musste, scheint mir ein solcher Tod geradezu tröstlich & richtig.In der Verfilmung von Cunninghams "Die Stunden" ist der Gang der Virginia Woolf ins Wasser für mich das einzig Nachvollziehbare, geradezu tröstlich.-
    Tolle Aufnahmen des Wolkentheaters!
    Bon week-end!
    Astrid

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  6. Liebe Katja,

    ich habe mir zu diesem Thema auch schon oft Gedanken gemacht. Berührt hat mich dieser Film. In der Geschichte entscheidet sich ein unheilbar erkrankter Mann für Sterbehilfe, seine Frau und die engsten Freunde begleiten ihn auf seiner letzten Reise.

    Vor einigen Jahren sagte mein zweiter Sohn, er war damals bei der freiwilligen Feuerwehr bei der Suche nach einer vermissten Person dabei: "Niemand hat das Recht ins Wasser zu gehen, sich vor einen Zug zu werfen oder von einer Brücke zu springen. Denn in so einem Fall müssen Rettungskräfte die graumsam verstümmelten sterblichen Überreste bergen. Wenn jemand gehen möchte, dann soll er eine Sterbehilfeorganisation aufsuchen."
    herzlich Margot

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    1. Das ist richtig, wenn es denn diese Möglichkeit gibt. Hier in Deutschland leider nicht.

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  7. die geschichte erinnert mich sehr am maude von harold&maude. sie hatte am ende zwar noch etwas, aber hat meine ich ja gesagt, sie hätte genug im leben erlebt und mit 80 ist schluss. sie ist nach wie vor eine meiner größten vorbilder... niemand weiß, ob die alte dame in deiner geschichte dement war oder nicht, grundsätzlich tut das hier evtl. auch nichts bei. sie wollte ein ende und hat es getan. im rahmen ihrer möglichkeiten freier wille. und da gibt es denke ich kein höheres gut.
    liebe grüße,
    jule*

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    1. Auch einer meiner Lieblingsfilme - wenn auch sehr, sehr traurig. Abschied ist immer traurig. Wenn er selbst bstimmt werden kann, erscheint er für mich aber bewältigbarer.

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  8. Ich wäre auch sehr dafür. Es sollte nicht so sein, dass sich Ärzte hier in Deutschland strafbar machen, wenn nur der Verdacht aufkommt, dass Sterbehilfe geleistet wurde. Ich möchte wirklich allen Ernstes wissen, warum man sich hierzulande so ziert? Glaube kaum, dass es darum geht, die, die ihr Ende selbst bestimmen wollen, vor der Hölle zu retten, weil Selbstmord angeblich Sünde ist.
    Gott sei dank gibt es noch einige nicht offizielle Mittel und Wege, die man wenn denn dann in Anspruch nehmen kann....
    Lieben Gruß
    Gabi

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  9. Guten Morgen Katja,
    ein sehr berührender Post und ein schwieriges Thema. Ich spreche mich sehr dafür aus, das es hier in Deutschland einen selbstbestimmten Tod auch geben soll.
    Meine Schwiegermutter hatte eine sehr sehr gute Freundin, welche vor einigen Jahren in die Schweiz gefahren ist. Sie hat vorher Abschied genommen und naja dann fuhr sie. Sie war ganz ruhig und glücklich, hier würde sie heute bestimmt noch "leben" besser gesagt leiden, an irgendwelchen Maschinen.
    Ich finde das sehr bewunderswert und mutig und würde mir wirklich wünschen, das es auch hier die Möglichkeit geben würde!
    Auf jeden Fall bin ich froh wieder einmal bei in Heaven dabei zu sein und Deinen schönen Post gelesen zu haben.

    Einen guten Wochenanfang und liebe Grüße sendet Dir
    Kirsi

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  10. ja. jede lebensgeschichte ist für sich anders. wir kennen die details nicht. ich kann jedoch sofort nachvollziehen, was diese frau bewegt hat. besonders, dass sie es an diesem ort tun wollte. welch gedanken und erinnerungen sie wohl hatte. sicher voll und reichhaltig aus kindheit und jugend. lebendiger als das, was sie nun hatte und vor sich sah. vielleicht auch ein spontaner entschluss, dort bleiben zu wollen, es festhalten zu wollen und nicht zurück zu müssen.

    es ist mir sowas von unbeschreiblich unverständlich, dass wir uns menschen mit diesen altenheimen (krankenhäusern etc.) und dem leben darin eine so unfreundliche, traurige, oft sogar unmenschliche art und weise geschaffen haben, den lebensabend oder schwere lebensphasen zu verbringen. ja WIR. denn das ist für uns. nicht für DIE alten oder für DIE kranken. nein für uns. denn jeder wird mal alt. die alten sind also auch wir. irgendwann.

    haben entscheidende figuren wohl noch nicht mitbekommen.

    was wünsche ich mir? nicht in eine anstalt zu müssen. nicht alleine zu sein, wenn ich alt oder sterbenskrank werde. wie es ist zu sterben, kann ich nicht beeinflussen. das drumherum ... kann man versuchen zu gestalten. aber da müssen andere mitspielen.

    ein interessantes thema
    danke für den anstoß!

    die tabea grüßt herzlich

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!